Mario Vargas Llosa: Bananen, Putsch und Pretend Information

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Mario Vargas Llosa: Bananen, Putsch und Fake News


Jeder hat eine ungefähre Vorstellung davon, was eine Bananenrepublik ist. Aber die wenigsten wissen noch, woher die Bezeichnung eigentlich stammt. Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa gibt da Nachhilfe. In seinem 20. Roman „Harte Jahre“ erzählt der mittlerweile 84-Jährige von Guatemala, das sich 1944 erstmals zu einer modernen Demokratie nach US-amerikanischem Vorbild öffnen wollte. Was aber ausgerechnet die USA verhinderten. Der US-Konzern United Fruit nämlich, der Bananen aus Mittelamerika importierte, fürchtete um seine Gewinne, als Juan José Arévalo, Guatemalas erster demokratisch gewählter Regent, grundlegende Reformen einführte.

Fortan sollte United Fruit Steuern zahlen, für Renten aufkommen – und sich, ganz nach dem Vorbild des Antitrust-Gesetzes in den USA, einem freien Wettbewerb stellen. Doch Konzernchef Sam Zemurray hatte Edward L. Bernays unter Vertrag, den König der Public Relation, der in seinem Buch „Propaganda“ Lehrsätze über die „bewusste und intelligente Manipulation der Massen“ entwickelte. Ein weiterer Beweis dafür, dass das 20. Jahrhundert das Jahrhundert der Werbung warfare. Bernays hatte Zemurrays Bananen mit seiner PR – und dem Markennamen „Chiquita Banana“ – zum Exportschlager gemacht. Nun sollte seine Propaganda auch das Monopol des Konzerns sichern. Wozu er die US-Medien instrumentalisierte und, wider besseren Wissens, gezielt Gerüchte streuen ließ, dass Guatemala auf dem Weg zum Kommunismus sei, sich zum ersten Satellitenstaat der Sowjetunion in der Neuen Welt entwickele und weitere mittelamerikanische Länder anstecken könnte.

Diesmal gönnt sich der Autor selbst einen Auftritt im Roman

Pretend Information, das zeigt der Roman klar auf, sind keine moderne Erfindung. Es gab sie schon lange vor dem Web. Lange vor Donald Trump. Und sie können, das beschreibt Vargas Llosa mit lesbarer Wut, ein ganzes Land auf Jahrzehnte ins Chaos stürzen. Man muss sie nur oft und dreist genug behaupten, bis die Leute daran glauben. Das geschah, als Arévalos Nachfolger Jacobo Arbenz Guzman in Guatemala als Fundament der neuen Ordnung eine Agrarreform einführen wollte. Die von Bernays angestachelten US-Medien liefen Sturm. Und auch US-Politiker versuchten mit allen Mitteln, Guatemala zu destabilisieren. Allen voran der damalige Außenmister John Foster Dulles, sein Bruder, der CIA-Chef Allen Dulles – beides ehemalige Anwälte der United Fruit – sowie der US-Botschafter in Guatemala, John Peurifoy, der sich in seinem vorherigen Amt den Namen „Schlächter von Griechenland“ erworben hatte.



1954 wurde das Reformjahrzehnt in Guatemala mit einem Militärputsch gegen Guzman jäh beendet. Die Amerikaner unterstützten offen den Umstürzler Carlos Castillo Armas, Vizepräsident Richard Nixon bereitete ihm sogar eine große internationale Bühne. Und doch wurde Armas, als auch er im Amt nicht spuren wollte, 1957 ermordet und durch eine Marionette der USA ersetzt.

Schon immer verstand sich Vargas Llosa, der 1990 sogar für die Präsidentschaft in seinem Heimatland Peru kandidiert hat, als Anwalt der Unterdrückten und Entrechteten. „Harte Tage“ aber darf wohl als sein politischstes Werk gelten. Und vor allem als jenes, das am stärksten mit der USA ins Gericht geht. Dem Leser schwirrt dabei anfangs der Kopf, wenn im Prolog namens „Vorher“ all die historischen Fakten und Persönlichkeiten abgerollt werden. In früheren Werken hätte der Autor allein damit einen halben, wenn nicht ganzen Roman gefüllt. Hier wird es wie in einem Sachbuch komprimiert. Worüber der Autor anfangs quick sein Wesentlichstes vergisst: das Erzählen. Das kommt erst später, wenn der Romancier in altbewährter Manier polyperspektivisch vorgeht und immer wieder die Zeitebenen und Blickwinkel wechselt, wenn er sich in die Gefühle, die Köpfe aller Beteiligter hineindenkt. In den von Guzman etwa, der ins Exil getrieben wird, in den des Putschisten Armas, dessen geheimnisvoller Geliebten – und in die seiner Mörder. Wenn die ihr Attentat in einem Bordell planen, wo sie sich am ungestörtesten fühlen oder die windige Vita von „Miss Guatemala“ erzählt wird, die von Armas ausgehalten, aber bald auch von der CIA umworben wird – dann ist Vargas Llosa ganz in seinem Aspect. Mit dem dominikanischen Diktator Rafael Trujillo und dessen gefürchtetem Geheimdienstchef Johnny Abbes García kehren auch auch zwei gute alte Bekannte wieder, die der Autor bereits vor 20 Jahren in einem seiner gefeiertsten Romane, „Das Fest des Ziegenbocks“, für alle Zeiten literarisch gegeißelt hat und die auch bei dem Staatsstreich in Guatemala maßgeblich ihre Finger mit im Spiel hatten.

Am Ende gönnt sich Vargas Llosa sogar selbst einen Auftritt. Im Epilog „Nachher“ beschreibt er, wie er die einstige Geliebte von Armas besucht, die heute, hochbetagt, in den USA lebt, wohl nicht zufällig unweit von Langley, dem Hauptquartier der CIA. Eine quick schon komische Vignette, wie der investigative Autor, wiewohl er gewarnt wurde, er würde nichts aus ihr herausbringen, sie über die damalige Zeit ausfragt. Wie sie erst mit ihm zu spielen versucht, dann eigene Wahrheiten präsentiert, bis sie schimpft, sein Roman werde „vor Erfundenem und Gelogenem“ nur so strotzen, und am Ende sogar droht: „Machen Sie sich nicht die Mühe, mir Ihr Buch nach Erscheinen zu schicken, Don Mario. Ich werde es auf keinen Fall lesen. Aber meine Anwälte werden es lesen.“ Das hat Vargas Llosa keineswegs eingeschüchtert. Auch er gebraucht das eher als eine Artwork Public Relation für sein Buch.

„Harte Jahre“ ist eine nicht durchweg gelungene Mischung aus Reportage und Fiktion. Ein Roman, den Vargas Llosa mit großem Zorn und aufklärerischem Eifer verfasst hat. Dabei erzählt er von einer vermeintlich tiefen Vergangenheit – und einem Land, von dem selbst Winston Churchill knurrte, er musste 79 werden, bis er das erste Mal davon gehört habe: ein Spruch, der dem Buch als Mahnung der Ignoranz vorangestellt wird. Denn natürlich erzählt das Buch auch viel über unsere Zeit, in der die Manipulation der Massen dank Web noch ein ganz anderes Maß erreicht.

Quick scheint es aber, dass Vargas Llosa dabei der Macht der Literatur nicht mehr ganz vertraut. Auf den letzten Seiten sinniert er mit zwei Freunden in Washington noch einmal darüber, dass der Putsch gegen Arbenz so nutzlos wie unproduktiv gewesen ist, weil in ganz Lateinamerika die Stimmung gegen die USA eskalierte. Auch da kann man Analogien zum Heute ziehen. Immer wieder aber geraten Vargas Llosa in diesem Spätwerk Erzählung und politischer Kommentar durcheinander.



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